Emanuel Rotstein
29.01.2019

A&E-Programmchef Rotstein: Warum wir „Surviving R. Kelly“ nach Deutschland holen

  • Interview mit A&E-Programmchef Emanuel Rotstein, der erläutert, weshalb er die neue Doku-Serie „Surving R. Kelly“ in den deutschsprachigen Raum holt (ab 18. Mai exklusiv auf A&E) und was er an ihr wichtig findet

  • Rotstein: „In ‚Surviving R. Kelly‘ vereinen sich die #metoo- und #blackgirlsmatter-Kampagnen mit #muterkelly und beweisen, dass öffentliche Debatten dazu führen, dass sich mehr Betroffene äußern und ein gesellschaftlicher Wandel angestoßen wird.“

München, 29.1.2019: Die neue Doku-Serie „Surviving R. Kelly“ sorgt derzeit weltweit für Aufsehen: In der Produktion erheben mehrere Frauen ihre Stimmen gegen R. Kelly und werfen ihm unter anderem sexuellen oder psychischen Missbrauch vor. Der umstrittenen Vergangenheit R. Kellys widmen sich in der Doku-Serie, die in den USA kürzlich mit sehr großem Erfolg erstausgestrahlt wurde, mehr als 50 Interviews, beispielsweise mit der Bürgerrechtsaktivistin Tarana Burke, den Musikern John Legend und Stephanie Edwards alias Sparkle, der Talkshow-Moderatorin und ehemaligen DJ Wendy Williams, Ex-Frau Andrea Kelly, Ex-Freundin Kitti Jones sowie den Brüdern Carey und Bruce Kelly. Inzwischen prüft die US-Justiz die in der Doku-Serie geäußerten Vorwürfe, in Deutschland läuft eine Petition gegen geplante R.-Kelly-Konzerte.

Im deutschsprachigen Raum zeigt der TV-Sender A&E die sechsteilige Doku-Serie „Surviving R. Kelly“ vom 18. bis 20. Mai täglich jeweils ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen als exklusive TV-Premiere.

Herr Rotstein, warum holen Sie die Doku-Serie „Surviving R. Kelly“ nach Deutschland?

Als Filmemacher habe ich Dutzende Menschen interviewt, die Opfer von Gewalt geworden sind; Menschen, die Abscheuliches ertragen mussten, aber trotzdem die Kraft besaßen, weiter zu leben oder einen Neustart zu wagen. Ich habe Menschen gesprochen und porträtiert, die durch uns erst ein Forum für ihre Geschichten bekamen. Auch im Falle unserer neuen Produktion „Surviving R. Kelly“ kommen Überlende und Zeugen zu Wort, die erstmals gehört, in der Öffentlichkeit wahrgenommen und erst jetzt von der Gesellschaft als Opfer ernstgenommen werden. Ihre Schilderungen der Begegnungen mit dem R&B-Star Robert Kelly sind erschreckend, verstörend und Mut machend zugleich. Hier eine klare Haltung für die Opfer zu signalisieren, eine Debatte auszulösen und diese hierzulande erst zu ermöglichen, halte ich für sehr wichtig. Daher haben wir bei A&E Deutschland schnell entschieden, die Doku unserer Lifetime-Kollegen in den deutschsprachigen Raum zu holen. Somit setzen wir auf ein weiteres Programm, das den Zeitgeist widerspiegelt, gesellschaftliche Tabus thematisiert und eine wichtige Diskussion in der breiten Öffentlichkeit anregt.

Warum spiegelt „Surviving R. Kelly“ den Zeitgeist wider?

„Surviving R. Kelly“ ist sicherlich ein Produkt der #metoo-Debatte, die jetzt gerade über ein Jahr alt ist, obwohl sich Gewalt und Missbrauch gegen Frauen wie ein blutroter Faden durch die Menschheitsgeschichte ziehen. Mit den Berichten über Anschuldigen gegen den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein Ende 2017 wurde eine längst überfällige Debatte losgetreten, die in unserem Fall sogar einen Schritt weitergeht. Denn in der Dokumentation kommen auch schwarze Frauen zu Wort, die bislang in der Diskussion kein Gehör fanden. In „Surviving R. Kelly“ vereinen sich die #metoo- und #blackgirlsmatter-Kampagnen mit #muterkelly und beweisen, dass öffentliche Debatten dazu führen, dass sich mehr Betroffene äußern und ein gesellschaftlicher Wandel angestoßen wird. Auch wenn sich das Machtgefälle von Männern und Frauen nicht über Nacht grundlegend ändern wird, kann man feststellen, dass mehr Empathie für die Opfer herrscht, die sich wiederum viel leichter an Polizei, Justiz oder auch an Vorgesetzte wenden können. Denn wie in allen Fällen von Hass und Ausgrenzung ist Solidarität, Macht und Mut ansteckend.

Warum, meinen Sie, war die Zeit gerade jetzt reif für diese Doku?

Ich denke, wir erleben gerade einen seismischen Moment in der amerikanischen, aber auch generell in der westlichen Gesellschaft, was die Rolle der Frau in Politik und Öffentlichkeit betrifft. Bei den amerikanischen Midterm-Wahlen konnten wir einen Rekordeinzug von Frauen in das Abgeordnetenhaus beobachten. Auch in Deutschland ist das aktuelle Kabinett Merkel das weiblichste aller Zeiten. Nur in einer solchen Zeit, in der das frauenfeindliche, patriarchalische Weltbild zu bröckeln beginnt, konnten die Macher der Dokumentation den Interviewpartnern den nötigen sicheren Rahmen bieten, frei und ungehindert über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Ist das Thema der Doku nicht eher eines, das auf die USA begrenzt ist?

Auch wenn die Geschichte des Robert Kelly zum Großteil ein Produkt der Bedingungen der schwarzen US-Bevölkerung der innerstädtischen Ghettos ist und die speziellen Phänomene von Exklusion und Kriminalität sehr amerikanisch sind, ist das Thema auch in Deutschland brandaktuell. Meine Generation ist mit der Musik von R. Kelly großgeworden. Die Hits des R&B-Stars sind Teil des Soundtracks unseres Lebens. Die Diskussion um #muterkelly, also die Frage, ob seine CDs aus den Regalen genommen bzw. seine Musik von den Streaming-Plattformen verbannt werden oder ob geplante Auftritte abgesagt werden sollten, wird auch hier geführt. Darüber hinaus wird uns die Debatte, wie man mit dem Werk eines Künstlers umgehen soll, der in Ungnade gefallen ist, auch in Zukunft sicherlich weiterhin beschäftigen. Außerdem hat sich die Betrachtung der Opfer von Missbrauch, Partnergewalt, Vergewaltigung, von psychischer Gewalt, Stalking sowie digitaler Gewalt hierzulande drastisch verändert. Die Grenzen des Akzeptablen und Hinnehmbaren haben sich auch in Deutschland sichtlich verschoben. Die Opfer von Robert Kelly sind letztendlich auch der Faszination von Glamour und Prominenz erlegen. Falsche Hoffnungen, von Reichtum und Aufmerksamkeit, die sicherlich auch in der deutschen Unterhaltsbranche geweckt werden.

Mischt sich ein solches Format nicht in die Rechtsprechung ein?

Im Fall von Robert Kelly, wie auch bei Harvey Weinstein, Kevin Spacey oder Bill Cosby, sollte zunächst der Grundsatz „in dubio pro reo“ gelten. Die Unschuldsvermutung ist der Grundpfeiler der Rechtsstaatlichkeit, und die Medien sollten nicht die Aufgabe von Gerichten und Strafverfolgungsbehörden übernehmen. Die Frage von Schuld und Unschuld im juristischen Sinne sollen die Richter in den USA klären, dazu haben FBI und Staatsanwaltschaft erst kürzlich wieder die Ermittlungen aufgenommen. Die Frage der Gerechtigkeit ist dagegen eine andere und ist für mich eher eine Frage von Moral und Ethik, die wir als Gesellschaft zu beantworten und vor allem zu verantworten haben.

Emanuel Rotstein ist Director Programming von A+E Networks Germany und damit verantwortlich für die Programm- und Sendeplanung, den Programmeinkauf, für VoD und den Bereich Produktion der Sender A&E und HISTORY im deutschsprachigen Raum. Rotstein kam im November 2010 zu A+E Networks Germany und verantwortete seitdem die lokalen Eigenproduktionen der Sender HISTORY und A&E (bis 2014 auch THE BIOGRAPHY CHANNEL (BIO), aus dem A&E hervorging). Besonderen Erfolg verzeichnete Rotstein 2015 mit der mehrfach preisgekrönten Dokumentation „Die Befreier“ über die Befreiung des KZ Dachau durch die US-Armee, die über den internationalen Lizenzverkauf in zahlreiche Länder verbreitet wurde. Für A+E Networks produzierte er darüber hinaus die Dokumentationen „Die Legion – Deutscher Krieg in Vietnam“, „Der elfte Tag – Die Überlebenden von München 1972“,  „Guardians of Heritage – Hüter der Geschichte“, „Total Control – Im Bann der Seelenfänger“ sowie das True-Crime-Format „Protokolle des Bösen“. Vor seiner Tätigkeit für A+E Networks war Emanuel Rotstein Redaktionsleiter bei der Münchner MPR Film und Fernseh Produktion GmbH.

Informationen zum TV-Sender A&E gibt es unter www.ae-tv.de, www.instagram.com/ae_deutschland/ sowie unter www.facebook.com/aetvDeutschland.

Bilder

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